{"id":498,"date":"2022-07-02T01:19:14","date_gmt":"2022-07-02T00:19:14","guid":{"rendered":"https:\/\/tillschrader.com\/blog\/?p=498"},"modified":"2022-07-02T01:19:17","modified_gmt":"2022-07-02T00:19:17","slug":"cuentame-de-cuba-geschichten-aus-habana","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tillschrader.com\/blog\/2022\/07\/02\/cuentame-de-cuba-geschichten-aus-habana\/","title":{"rendered":"Cuentame de Cuba – Geschichten aus Habana"},"content":{"rendered":"\n

Erste Eindr\u00fccke<\/h2>\n\n\n\n

La Habana. Der Flughafen ist ein sch\u00f6ner Vorgeschmack auf Cuba. Die Passkontrolle, die versucht strengen Blicke der eigentlich so l\u00e4ssig wirkenden Kontrolleurinnen. Das Gewusel bei der Gep\u00e4ckabfertigung. Es sind vor allem Cubaner_innen im Flugzeug, weniger Touristen. Alle gucken hektisch auf mehreren B\u00e4ndern, aus denen in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden zumeist in reichlich Plastikfolie eingepackte Koffer und Kisten unterschiedlichster Gr\u00f6\u00dfen purzeln. Eine aufgetakelte Exil-Cubanerin – alles an ihr ist gemacht – stakst mit ihrem Pudel durch das Labyrinth von Menschen und Gep\u00e4ckwagen. Sie erntet Blicke und die sonst so muffeligen Zollbeamten, deren Hauptaufgabe darin zu bestehen scheint, dass sie willk\u00fcrlich Koffer vom Band nehmen und irgendwo zwischen die Wartenden stellen, damit diese sie noch schlechter finden k\u00f6nnen und das \u00e4chzende Band weiterl\u00e4uft, bieten ihr eilig Hilfe an. Die meisten haben sehr viel Gep\u00e4ck. Ein cooler Cubaner im schwarzen Trenchcoat und mit riesiger Sonnenbrille l\u00e4dt sich schon den vierten grellbunten Koffer auf seinen Wagen. Er schaut zufrieden, offenbar hat er alles gefunden. Eine Gruppe Vietnamesen, die so aussehen, als w\u00fcrden sie in Cuba arbeiten, platziert sich strategisch an allen Ecken und schreit sich laut und gestenreich zu, als einer der zahlreichen Elektroger\u00e4tekartons mit Microwellenaufschrift auftaucht. Im perfekten Teamwork rennt ein anderer emsig zum Karton und platziert ihn nach Tetrismanier auf einem der zahlreichen Wagen.<\/p>\n\n\n\n

Dies und vieles mehr beobachte ich, w\u00e4hrend ich ca. 1 Stunde auf meinen Rucksack warte, der so vollgepackt mit Fahrradteilen ist, dass ich eigentlich fest damit rechne, dass er aufgeplatzt ist und bereits verwertet wird.<\/p>\n\n\n\n

Am Ausgang erwartet mich Martin, meine Taxifahrerempfehlung von einem guten Freund. Er hat ein Schild in der einen und mein Whatsapp-Profilbild auf dem Handy in der anderen Hand. Er gr\u00fc\u00dft kurz und l\u00e4uft dann schnellen Schrittes Richtung Parkplatz, wo sein pinkfarbener 49er Chevrolet-Cabrio steht. Wir werden schon von einer eifrig heraneilenden Polizeikontrolle erwartet, die sich freundlich und nur etwas streng gibt. Das Spiel beginnt: Martino gibt sich unterw\u00fcrfig, sucht hektisch seine Unterlagen raus. Auch sie tun entspannt und schauen mit aufgeregt-vorfreudigem Blick auf sein Auto, in der Hoffnung gleich etwas dazuzuverdienen. Er \u00fcberreicht ihnen dem\u00fctig seine Lizenz. Als sie sehen, das alles in Ordnung ist ziehen sie entt\u00e4uscht und etwas gelangweilt ab.<\/p>\n\n\n\n

Dann die Fahrt, zwei Sachen fallen mir auf: ich habe die Insel noch nie so gr\u00fcn gesehen, es nieselt leicht und hat laut Martin auch schon seit Tagen geregnet. Au\u00dferdem gibt es kaum Verkehr. Martin erz\u00e4hlt mir von der Krise, die f\u00fcr ihn schlimmer als die in den 90er Jahren ist. Damals ist in wenigen Wochen der Gro\u00dfteil des Bruttoinlandsproduktes weggebrochen, weil die Sowjetunion Cuba nicht mehr unterst\u00fctzt hat. Es gibt wenig zu kaufen und wenn, dann nur in harter W\u00e4hrung in den \u00fcberteuerten Devisenl\u00e4den. Inmitten der gr\u00f6\u00dften Krise hat Cuba, wahrscheinlich zwangsl\u00e4ufig, die zweite W\u00e4hrung abgeschafft und damit zahlreiche Subventionen gestrichen. Der Peso ist danach innerhalb kurzer Zeit auf ein Viertel des Wertes abgest\u00fcrzt. Gleichzeitig hat die USA nochmal die Sanktionen verst\u00e4rkt.<\/p>\n\n\n\n

Cuba r\u00fcttelt mich wieder durch. Es wirkt zwar noch vertrauter und weniger exotisch als bei den letzten Reisen. Wahrscheinlich, weil ich schon so lange am Reisen bin und nicht aus meiner Arbeitswelt in eine komplett entgegengesetzte Zeit st\u00fcrze. Auch wirkt es weniger gef\u00e4hrlich, als es mir beschrieben wurde. Gleichzeitig bemerke ich wieder, wie ich am Anfang in eine passive Position gebracht werde. Die Cubaner sprechen mich laut an, konfrontieren mich mit ihrer Realit\u00e4t, ob in Form eines Armstummels, der mir zur Steigerung der Spendenbereitschaft ins Gesicht gehalten wird oder einer lauten, \u00fcberdrehten alten Cubanerin, die einfordert, dass ich doch ein typisches Foto mit ihrer \u00fcberdimensionierten Zigarre machen soll. Das Gute ist, dass ich das schon kenne. Es dauert nur ein wenig das Temperament entsprechend hochzufahren und einzustellen.<\/p>\n\n\n\n

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Und es gibt so gut wie nichts zu tun. Die Stra\u00dfen sind leer, vor allem gibt es kaum Touristen. Die touristische Infrastruktur ist gr\u00f6\u00dftenteils auch zu. Habana Vieja, wo man sonst kaum treten kann, ist – wahrscheinlich auch wegen des Regens – komplett verrammelt. Die wenigen Touristen versammeln sich verschw\u00f6rerisch in den zwei bekannten Hotspots, der Bodeguita del Medio und der Hemmingway-Floridita, wo sonst nie jemand einen Platz findet.<\/p>\n\n\n\n

Es regnet in Str\u00f6men, seit ich in Habana angekommen bin. Es regnet den ganzen Abend, die Nacht, den Morgen, den Tag \u00fcber. Es wechseln sich Aguacero (Platzregen), bei dem man das Gef\u00fchl hat, dass jemand gro\u00dfe Eimer Wasser \u00fcber der Stadt auskippt – und normaler Regen ab. Ich beschlie\u00dfe es zu genie\u00dfen und lasse mir mit allem viel Zeit. Mein noch angeschlagener Fu\u00df freut sich. Ich gehe zu meiner geliebten Pastelleria um die Ecke f\u00fcr das erste traditionelle Guyaba-Gep\u00e4ck, packe gem\u00fctlich aus, \u00fcberlasse mich meinen Gedanken. Sie drehen sich vor allem darum, ob es ein guter Zeitpunkt ist nach Cuba zu kommen. Die Antwort lautet immer mal wieder ja, vor allem wenn ich an die tollen Menschen und die Kultur denke!<\/p>\n\n\n\n